Hast du Angst? Was ich über Angst gelernt habe.

Geschrieben von Oliver Borgmann am .
Beängstigend und wunderschön am Puig Major auf Mallorca

Wenn du Angst hast, dann ist alles in Ordnung mit dir – ich glaube nicht, dass wir ohne Angst gut leben könnten. Sie beschützt uns davor zu sterben, oder vor weitaus Schlimmerem 😉

Allerdings sind Ängste manchmal da, wenn wir sie nicht brauchen oder in einem Ausmaß wo sie uns nicht mehr hilfreich sind und uns blockieren. Zumindest bei mir ist das so. Dann möchte ich gerne die Angst überwinden und dabei habe ich etwas Interessantes herausgefunden – nämlich, worum es bei Ängsten in meinem Leben häufig eigentlich geht. Also, was dahinter steht und die eigentliche Angst verstärkt und beeinflusst.

“Ich bin gesichert, es kann nichts passieren – trotzdem bin ich wie gelähmt.”

Als ich versucht habe, auf einer Highline zu laufen (also einer Slackline, die über einer Schlucht gespannt ist) habe mich mehrere Monate lang nicht getraut aufzustehen, weil ich Angst hatte zu fallen. Ich habe das Aufstehen geübt, ich konnte es. Ich bin gesichert, es kann nichts passieren – trotzdem bin ich wie gelähmt. Ich wollte es wirklich – aber eine große unsichtbare innere Macht hat mich davon abgehalten.

Interessant ist: Es war kein Problem, mich aus dem Sitzen runterfallen zu lassen – das Fallen also bewusst zu initiieren. Das Gleiche habe ich beim Klettern am Seil – freiwillig abspringen fällt mir leicht, aber ungewollt zu fallen löst extreme Angst aus.

Eigentlich geht es um Kontrolle

Deswegen glaube ich, dass sich bei unseren Ängsten oft ein großer Teil darum dreht, dass wir nicht die Kontrolle verlieren. Ein Teil in uns will einfach die Illusion von Kontrolle aufrecht erhalten. Wenn ich mich fallen lasse – wenn ich also zumindest den Zeitpunkt des Falls bestimme – dann behalte ich ein Stück weit die Kontrolle.

Und meine Vermutung ist, dass dies auch bei vielen anderen Ängsten in unserem Leben so ist. Dass dieser Teil mitschwingt, der kontrollieren will. Also zum Beispiel, wenn ich einen Vortrag halten möchte vor vielen Menschen und ich habe Angst davor. Ich glaube, dann gibt es einen großen Teil, der Angst davor hat – ein Blackout zu haben, nicht mehr weiter zu wissen – einfach in einer ungewissen Situation zu landen. Es wäre leichter, wenn ich wüsste – alle werden den Vortrag doof finden. Das wäre nicht angenehm, aber ich wüsste, was passiert. Aber dieses Ungewisse – das ist es, was mir Angst macht. Wie ist das bei dir? Geht es dir auch so?

Wie hilft mir das jetzt im Umgang mit meinen Ängsten?

In Worten der GFK gesprochen – es hilft mir, mein Bedürfnis klarer zu bekommen und nach geeigneteren Strategien zu suchen. Denn wenn die Angst vor Kontrollverlust das eigentliche Thema ist, dann brauche ich Vertrauen. Vertrauen in meine Fähigkeiten, in das Material, in das Leben selbst. Ich kann mich mit genau diesem inneren Teil beschäftigen, ihn Fragen was er braucht, warum er so eine Angst vor der Ungewissheit hat. Ich kann in den inneren Dialog gehen und das hilft mir vielleicht mehr, als zu üben, gute Vorträge zu halten oder beim Highlinen das Aufstehen zu üben. Ich kann mir auch Jürgens Text zum Thema Kontrolle nochmal durchlesen und vielleicht realisieren, dass nie irgendwas unter Kontrolle ist, sondern Kontrolle und Sicherheit letztlich nur eine Illusion sind 🙂

Auf der Suche nach neuen Ängsten in Slovenien

Um den Faden vom Anfang wieder aufzugreifen: Irgendwann habe ich mich dann getraut und es war eines der intensivsten Gefühle von Befreiung, an die ich mich erinnere. Eine Befreiung von der Angst, die Kontrolle zu verlieren. Übrigens eine Angst, die mich monatelang kontrolliert hat – verrückt. Etwas bestärkt mich nochmal in dem Gedanken, dass es nicht um das Fallen an sich geht: In dem Moment, als ich aufgestanden bin, war es mir egal ob ich falle oder nicht. Es war ohnehin klar, ich werde fallen – die Angst war wie weggeblasen.

Ich bin der Meinung, dass Ängste wiederkommen, wenn wir uns ihnen nicht regelmäßig stellen. Unsere Komfortzone erweitern, das ist ein aktiver Prozess. Ansonsten wird die Komfortzone immer kleiner und kleiner. Also – das ist die herzliche Einladung an dich, stelle dich deiner Angst, verliere die Kontrolle und genieß’ das Leben – so wie es ist.

Liebe Grüße,
Oliver

Wir freuen uns über eure Kommentare, Gedanken und Austausch. Alle Kommentare sind automatisch öffentlich sichtbar.

Kommentare (5)

  • Ich habe mal gelesen wenn man die Angst ruft in einer Situation, vor der man Angst hat- dann kommt sie nicht.
    Und das stimmt nach meiner Erfahrung. Aber warum ist das das so ?

    • Interessante Frage – vielleicht, weil du dir damit deine Angst bewusst machst – ihr ins Auge siehst und sie gleichzeitig Willkommen heißt. Das ist meiner Erfahrung nach eine gute Anleitung, um innere “Monster” in niedliche Kuscheltiere zu verwandeln 🙂 Bewusstein & Akzeptanz.

  • Sehr interessanter Gedanke, dass man vielleicht nicht vor dem Ereignis Angst hat, sondern vor dem Ungewussheit. Gestern gerade gelesen, dass Selbstvertrauen bedeutet, sich auf Ungewusses einzulassen und die kritischen Gedanken in Zaum zu halten. Vielleicht hat auch übermäßige Selbstkritik etwas mit dem Versuch zu tun, zu kontrollieren und Sicherheit zu gewinnen. Wenn ich mich selbst kritisiere und beurteile, dann muss ich nicht darauf warten, ob und wann es ein anderer tut. Danke für die Anregung!

    • Danke Karin, das resoniert sehr in mir – ich bekomme Gänsehaut, es kribbelt und ein bisschen Traurigkeit steigt auf.
      Ich sehe das ganz genauso, dass unsere innere Selbstabwertung ein Schutzmechanismus ist, der uns vor der Ungewissheit vor der äußeren Bewertung bewahren will.
      Diese Erkenntnis widerum hilft mir dabei, diesen Mechanismus, diesen Teil von mir anzunehmen. Weil ich sehen kann, dass er eine gute Intention hat. Ich komme in die Akzeptanz und dann kann es sich verändern.

  • hey olli,
    in mir wird noch was anderes lebendig, wenn ich deinen sehr geschätzten beitrag über angst lese und dem in mir raum gebe…. ich denke ans surfen, da nehme ich auch manchmal eine lähmende angst war, einfach aufzustehen. liegen, sitzen, knien geht alles, vielleicht wackelig, aber ich mach es. und: ich stehe nicht auf. ich weiss, dass ich es könnte, es fehlt mir nicht die kraft oder fähigkeit es zu tun.
    und grad kommt aus meiner tiefe die erkenntnis, dass es darum geht, zu meiner wahren GRÖSSE zu STEHEN. nichts scheint gefährlicher, drum erlebe ich mich lieber wie gelähmt. ich forsche weiter….
    lieben dank und herzliche grüße
    petra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert