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Die Qualität alter Freunde

Geschrieben von Jürgen Engel am .

Die Qualität alter Freunde

Diese Woche traf ich mich in meiner Heimatstadt Bensheim mit einem meiner ältesten Schulfreunde. Es war, wie so oft, ein besonders schöner und verbindender Abend. Über die Besonderheit dieser Qualität des Zusammenseins möchte ich nachdenken und schreiben.

Es gibt eine besondere Nähe und Vertrautheit zu den Freunden aus Kindheit und Jugend. Diese ist so einzigartig, dass ich den Eindruck habe, sie in dieser Form und Intensität nur mit diesen Menschen zu erleben. Ich bin neugierig darauf, diese Qualität tiefer zu erforschen und zu verstehen.

Interessanterweise ist keiner dieser „alten“ Freunde, wie ich, mit der Gewaltfreien Kommunikation beschäftigt. Es gibt also nicht dieselbe Gewohnheit, tiefgründige Gespräche über Gefühle und Bedürfnisse zu führen, wie mit den Freunden, mit denen ich die GFK teile.

Und dennoch ist unser Zusammensein völlig mühelos, berührend, nah, vertraut und verbindend. Wir sprechen direkt über unsere Väter und die Schwierigkeiten, die wir mit ihnen haben, über persönliche Ängste, Selbstzweifel, das Älterwerden und Sterben. Natürlich auch über unsere Jugend, die Dummheiten, die wir zusammen ausgeheckt haben, und unsere riesigen blinden Flecken von damals, die wir jetzt mit etwas Abstand, mit Humor und Mitgefühl reflektieren können. Jeder hatte seinen eigenen Umgang mit der Pubertät, dem Erwachsenwerden und dem Finden seiner Identität als Mensch und Mann. Es war nicht leicht.

Was mir als Grund für diese Leichtigkeit und Tiefe der Verbindung erscheint, ist die Tatsache, dass wir uns nichts mehr vormachen müssen. Wir kennen uns seit der frühen Jugend und haben die besten und schlimmsten Situationen gemeinsam erlebt und begleitet. Wir haben uns gestritten und versöhnt und sind Stück für Stück erwachsen geworden. Wir wissen, wo wir herkommen und zumindest ein Stück weit, wer wir jetzt sind.

Wir müssen nicht mehr aushandeln, wer der „Chef“ ist, wer mehr draufhat, mehr Erfolg hat oder die tollere Freundin hat.

Wir müssen uns auch nicht mehr vorwerfen, wer sich wie lange nicht gemeldet hat. Selbst wenn wir uns Jahre nicht gesehen und gesprochen haben, wenn einer sich meldet, dann ist das ein schöner, willkommener Anlass, sich zu treffen, und es ist, als ob zwischendrin keine Zeit vergangen ist. Wir kennen uns. Wir mögen uns. Die Beziehung ist stabil. So stabil, dass sie keine Bestätigung braucht und auch durch lange Zeiten ohne Kontakt nicht beeinträchtigt wird.

Wenn wir dann zusammen sitzen, dann reden wir stundenlang ohne Punkt und Komma. Wir müssen kein Thema suchen, im Gegenteil ist es oft eine Herausforderung, all die Themen, die im Gespräch aufkommen, zu Ende zu besprechen, weil da so viele Querverbindungen sind, dass jedes Thema gleich wieder fünf weitere spannende Dinge aufwirft, über die wir uns tiefer unterhalten können. Wir können einen ganzen Tag zusammen sitzen (haben wir auch schon gemacht) und es gehen uns nie die Themen aus.

Ich fahre von so einem Abend jedes Mal ganz erfüllt, beschwingt und richtig glücklich und genährt nach Hause. Es erfüllt viele Bedürfnisse. Aber was genau ist es? Was macht es so besonders? Ich mag als Wort und Qualität die „Vertrautheit“, die wir teilen. Für mich ist es wie eine Kombination aus „sich kennen“ und „Vertrauen“. Wir sind miteinander vertraut und wir vertrauen uns. Und damit ist ein sehr tiefes und natürliches Level an Verbundenheit einfach so da. Ganz mühelos.

Ich stelle auch fest, dass ich da überhaupt keine Angst verspüre. Mit meinem Freund kann ich ganz „Ich“ sein, ich kann von meinen Ängsten, Unsicherheiten, Krankheiten etc. sprechen, ohne zu überlegen, was „angemessen“ ist, oder wie das ankommt und ob er mich weniger mag oder verurteilt, wenn ich bestimmte Dinge sage. Kaum sonst kann ich so transparent, ungeschützt und verletzlich sein und mich dabei so sicher und entspannt fühlen.

Und so eine tiefe, alte Freundschaft ist auch eine Form von Liebe. Nicht die, die ich mit meiner Partnerin teile. Und doch ist das etwas sehr Liebevolles. Es ist nicht die romantische oder sexuelle Liebe. Es ist etwas, das darüber hinausgeht. Ein tief geteiltes: Wir haben uns lieb. Wir schätzen, mögen und respektieren uns. UND: Wir sind füreinander da. Ich weiß genau: Wenn ich ihn nachts um 3 anrufe, weil ich Hilfe brauche oder es mir schlecht geht, dann ist er für mich da. Selbst wenn wir uns lange nicht gesprochen haben. Wow, das ist eine Menge!

Das ist wirklich sehr besonders und sehr kostbar und regt mich dazu an, darüber nachzudenken, wie ich diesen Freundschaften mehr Zeit und Raum geben kann. Wie für die meisten sind auch bei mir diese Treffen selten. Obwohl sie so nährend sind. Auch das ist interessant.

Es ist leicht zu denken: Ja, diese Art von Verbindung, Tiefe, Vertrautheit etc. kann ich überhaupt NUR mit diesen Menschen haben. Und ja, während da natürlich bestimmte Aspekte sind, wie z.B. geteilte Erinnerungen an Erlebnisse in der Jugend usw., die wirklich NUR mit diesen Menschen möglich sind, ist mir auch bewusst, dass Bedürfnisse nicht von Personen abhängig sind.

Auch mit anderen Menschen kann ich tiefe Verbindung, Vertrauen, Liebe, Verletzlichkeit usw. teilen. Und wenn ich darüber nachdenke, dann spüre ich meine tiefe Dankbarkeit und Wertschätzung für die Gewaltfreie Kommunikation und die Menschen, Freunde, die ich über diese Arbeit und Gemeinschaft kenne, mit denen ich sehr viel von diesen Aspekten und Bedürfnissen teilen kann. Was immer wieder tief beeindruckend und berührend ist, ist, wie viel dieser genannten Bedürfnisse im Rahmen eines „GFK-Umfelds“ auch mit Menschen, die ich gerade zum ersten Mal kennenlerne, möglich ist.

Ja, der Kontakt zu Freunden ist absolut einzigartig und kaum zu ersetzen UND in einem achtsamen, empathischen Freundeskreis, egal ob mit GFK oder anderen Elementen, kann ich auch sehr viel tiefe Verbindung mit neuen Freunden teilen. Was für eine reiche Welt!

Wie geht es dir mit Freundschaft? Wie erlebst du alte und neue Freundschaften? Und wie hat die GFK die Art und Weise, wie du Freundschaft erlebst und lebst, verändert? Ich bin gespannt.

Herzlich,
Jürgen

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