Ich quäle mich! Aber wieso denn nur?

Geschrieben von Iris Bawidamann am .
Foto von Mark Flanders auf Unsplash

Ich quäle mich. Er lächelt. Ich gehe.

1 Stunde zuvor: 9 Uhr, der Blick in den Kalender: „Newsletter: Iris“. Autsch, gestern übersehen, dass heute Newsletter dran ist. Zeitdruck. Keine Idee. Sobald ich eine Inspiration habe, kann es losgehen. Wo ist sie, die Inspiration. Ich suche verzweifelt. Frage Kollegen nach Ideen. Forste alle „Internationaler Tag des…“ durch. Spüre nach, was mich gerade beschäftigt. Doch der Kick kommt nicht. Ich weiß genau, wie er sich anfühlt und ich fühle ihn nicht. Da wir im Homeoffice sitzen beobachtet Jürgen meinen Prozess. Er kennt den inneren Ort, an dem ich bin. Irgendwann sagt er: „Na, quälst du dich?“ und lächelt mich an. Da bricht die Barriere, ich lache und das Thema ist da: „Quälst du dich?“, und wenn ja, warum, womit und wofür? Ich gehe, tippe schnell die ersten Zeilen, es fließt und flutscht.

„Quälst du dich?“. Ja klar, dauernd. Ich quäle mich aus dem Bett, zwinge mich dann abends wieder hinein, suche gequält eine Inspiration, quäle mich durch den Stau, in der Hitze. Echt jetzt?!??? Der Clown in mir lacht herzlich, die rote Nase leuchtet im Gesicht. Ich sehe mich vor mir, wie ich mich selbst peitsche, schubse, zerre. Was für ein absurdes Bild. Warum würde man so was tun? Ich reflektiere. Schaue 10 Jahre zurück, relativiere. Ja, stimmt schon, manchmal quäle ich mich noch. Aber im Vergleich echt selten. Stau=Zeit für Podcast. Hitze=soooooo viel besser als frieren. Ins Bett gehen=Zeit für Spüren. Aufstehen=mal sehen, was der Tag so bringt. Das Level von “Qual” wird stetig niedriger. Meistens passiert “Qual” dann, wenn ich die Verbindung zu dem verliere, was mir wichtig ist.

Wie sieht es bei dir aus? Quälst du dich mit etwas? Was ist es? Findest du den Clown in dir, der*die darüber lachen kann? Was, wenn wir einfach entscheiden, uns nicht mehr zu quälen? Ganz erwachsen, ganz autonom, ganz gewaltfrei?

Ich wünsche dir einen quallosen Tag, oder positiv ausgedrückt: einen Tag, eine Woche, ein ganzes Leben mit so viel Bedürfnisbewusstsein wie möglich.

Alles Liebe Iris

Kommentare (7)

  • Liebe Iris,
    Ich sehe die rote Nase vor mir, würde jetzt gerne eine Szene spielen, ohne Qual . Wäre bestimmt inspirierend. Danke für deine Offenheit. Liebe Grüße Ronald

  • Hallo Iris,
    Du sprichst mir aus der Seele.

    Ich hatte so einen Moment, als ich letzte Woche meine Notizen zu einem Meeting in ein Protokoll zusammenfassen “musste”.
    Ich habe prokrastiniert ohne Ende und alles andere gemacht…nur nicht das Protokoll angefangen.

    Der Knoten ist dann geplatzt, als ich mein Verhalten gegenüber meiner Kollegin reflektiert habe. Aussprechen, kurz analysieren, darüber amüsieren und los ging es mit dem Protokoll. 😉

  • „Ich kann, weil ich WILL, was ich muss.“
    (I. Kant, Dr. Philosoph, 1724 – 1804)

    Damit habe ich gestern ein komplettes Vormittags-Teaching bestritten. Das passte grad einfach, weil der Titel noch im Nachbarfenster von PowerPoint hing. Vielen Dank, Iris – toller Impuls!

  • Avatar-Foto
    Karen von Hünerbein

    Liebe Iris,
    vielen Dank für diesen Blogbeitrag — das Thema spricht mich sehr an. Heute quäle ich mich nicht, weil ich krank geschrieben bin.
    Sonst aber auch soo oft, meist geht es um die Fülle der zu erledigenden Dinge, Vieles davon auch Hausgemacht.
    Ich will/Muss das “JETZT !” erledigen, sonst wird es heute nichts mehr. Damit mache ich mir total viel Druck.
    Und gleichzeitig bin ich über die Jahre besser geworden im Pausen machen und kleine Auszeiten nehmen.
    Für mich gilt — ich brauche genausoviel Disziplin um mir eine kleine Pause oder auch einen Tag frei zu nehmen, wie dafür, mit dem Arbeiten anzufangen — ich muss es planen: wann habe ich frei, wann darf ich/soll ich mir eine Pause gönnen. Das hört sich anstrengend an, aber wenn ich es nicht plane, finden die Pausen nicht statt und das ist schlimmer. Disziplin — Disziplin — Disziplin — und ich verliere ganz oft den Kontakt zu mir, meinen Mitmenschen und allen Bedürfnissen im Raum. Und ich kenne so viele Freunde/Innen, die sich quälen, und sich fast überhaupt keine Auszeiten gönnen — und das tut mir in der Seele weh beim Zuhören / Zuschauen.
    Manchmal hilft mir der Satz: “Wenn ich das heute nicht mache, ist es eine Kleinigkeit oder ist eine Katastrophe?”

  • Liebe Iris,
    danke für deine heutigen Zeilen.
    Tatsächlich erlebe ich es ebenso. In dem Moment, wo ich die Verbindung zu den Dingen, die in mir leben wollen verliere, wird’s quälend. Meist steht er in Verbindung mit dem Wort “müssen”. Alles was mit Druck und Fremdbestimmung einhergeht.
    Für mich ist – Annahme dessen, was ist – der Zauber, welcher der Qual die Veränderung bringt.
    Daran übe ich mich täglich und nicht immer bekomm ich’s hin, aber mit der Zeit gelingt’s besser.
    Herzensgrüße Sylvia

  • Liebe Iris, das finde ich wunderbar! Erwachsen, autonom und gewaltfrei Entscheidungen zu treffen, das ist genau, was ich fühle. Ich quäle mich oft selbst mit Dingen, die ich vor mir herschiebe.
    An dieser Stelle möchte ich mal “Danke” sagen, für eure Newsletter, die ich regelmäßig lese, und die für mich eigentlich immer eine Inspiration sind.
    Alles Liebe, Regina

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