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Falsch Falsch Falsch – Und jetzt…?

Geschrieben von Jürgen Engel am .

Gestern kurz vor Mitternacht, ich war noch beim Sport, fragt mich Iris per WhatsApp: “Hast du den Newsletter für morgen fertig gemacht…?”. 😬 FUCK!! Schiesst es mir wie ein Stromschlag durch den Kopf und Körper….. Falsch Falsch Falsch….! Das war mein Job, hatten wir besprochen, und ich hab’s einfach komplett vergessen. Keinen Gedanken mehr daran verschwendet, war so absorbiert mit meinen anderen “to-dos” gestern, dass die eine, absolut zwingende Sache des Tages, einfach in Vergessenheit geraden ist…

Spannend zu beobachten, was so ein “Fehler” alles auslöst.

Einige Sekunden nach dem ersten Schreck entspannt sich sofort etwas in mir: ich weiss, dass Iris mir keine Vorwürfe machen wird. Ich bekomme keinen “Anschiss” und auch keine Abmahnung weil ich meinen Job vernachlässigt habe. Und ich bekomme auch keine sonstigen, subversiven, direkten oder indirekten Botschaften, damit ich mich schuldig fühle. Es kommt nicht auf eine lange “Jürgen hat versagt” Liste, die mir eines Tages, z.B. in einem “Performance Review” vorgehalten wird. Weder von Iris, noch von meinen anderen Kollegen ist derartiges zu befürchten. Einfach weil es nicht unsere Kultur ist, nicht die Art wie wir miteinander umgehen. Und weil uns allen ziemlich klar ist, und wir uns möglichst oft daran erinnern: Jede(r) tut in jedem Augenblick das beste, das ihm/ihr möglich ist. Bhoa, ist DAS entlastend! Das ist direkt schon mal ein Grund für mich zum Feiern! 🤗

All dies bedeutet übrigens nicht, dass es möglicherweise mal ein Gespräch oder eine Spannung zu derartigen Vorfällen geben wird, dem ich mich stellen muss. Wenn ich es dauerhaft nicht schaffen sollte, meine Rollen und damit verbundenen Aufgaben einigermassen zuverlässig zu erledigen, dann wird es Folgen haben. Kein rüder Anschiss natürlich, aber sicherlich ein Gespräch, aus dem auch durchaus deutliche Klarheiten und Folgen resultieren können. Das ist normal und notwendig und muss auch in einer empathischen Kultur der Zusammenarbeit unbedingt passieren. Empathie UND Klarheit eben. Lediglich “nett” zu sein und ständig unsere Gefühle und Bedürfnisse hören und verstehen ist noch nicht ausreichend um einen Job zu erledigen und eine Firma am Laufen zu halten. Aber das ist ein anderes Thema, ein in meiner Beobachtung riesiger blinder Fleck in der weiten Welt der GFK, der mich schon lange fasziniert.

Und wie steht’s um meinen eigenen, inneren Umgang mit meinem Versäumnis?

Das ist jetzt für mich die deutlich spannendere Frage. Schön, dass ich mich in unserem Team sicher fühle, entlastend, dass ich weiss, dass keine Repressalien oder Vorwürfe zu erwarten sind. Wie aber geht’s mir selbst damit, wie gehe ich, bzw. meine verschiedenen inneren Anteile und Stimmen damit um?

Ich kenne diese Anteile inzwischen sehr gut. Der Dominanteste, der in solchen Fällen zuverlässig auftaucht, ist der “Ich bin nicht OK, ich bin nicht gut genug” Teil. Der hat mal, vor langer Zeit, in meiner Kindheit, den Glaubenssatz entwickelt, dass etwas grundsätzlich nicht in Ordnung ist mit mir. Ich bin einfach nicht nett und liebenswert, grundsätzlich faul und egoistisch und denke prinzipiell nur an meinen eigenen Vorteil. Anderen etwas gutes tun, ihnen helfen, ohne dass ich etwas dafür bekomme liegt mir fern. Ziemlich fieser Glaubenssatz. Um trotzdem irgendwie gemocht zu werden und Wertschätzung zu erhalten, hat dieser Teil eine anstrengende Strategie entwickelt: Möglichst gut sein. Bei irgend etwas. Wobei “gut sein” noch lange nicht ausreicht, nein, ich muss “besser” sein, als die anderen, am besten besser als ALLE anderen. Dafür gibt’s dann Lob und Wertschätzung. Einfach nur “ich” zu sein reicht da keinesfalls. Dafür gibt es nichts.

Und weil das natürlich nicht klappt, hat dieser Teil gleich noch einen feinen Glaubenssatz drauf gepackt: Ich bin nicht gut GENUG! Egal was ich tue, egal in welchem Feld ich mich entwickle und mir Kompetenzen aneigne: Ich bin nicht gut genug. Es sind immer welche da, die es besser können. Ich bin eben nicht der Beste. Und damit ist es wertlos…

Klingt alles ganz schön krass. Klingt ziemlich beschädigt und traumatisiert. Gut, dass ich weiss, dass ich damit sehr “normal” bin, mich also in bester Gesellschaft befinde. Nach allem, was ich bisher im tiefen Austausch und der Prozessarbeit beobachten konnte, sind dies mitunter die verbreitetsten Glaubenssätze, von der eine Mehrzahl von uns mehr oder weniger heftig betroffen sind. Herauszufinden, dass ein solcher Glaubenssatz in mir angelegt ist, ist schon mal ein guter Anfang. Und gleichzeitig habe ich auch gemerkt, dass es nur ein erster Schritt ist. Der Glaubenssatz verliert damit noch lange nicht seine Energie. Der arbeitet subversiv im Untergrund, dort wo meine Reaktionen und Emotionen entstehen, dort wo ich nicht so leicht Zugriff habe. Auch wenn ich ihn benennen kann, kann er jahrelang oder sogar den Rest meines Lebens weiter in mir wirken und mein Verhalten dominieren.

Klingt bis dahin alles nicht so inspirierend, vermute ich… Doch hier kommt die gute Nachricht, und das ist meine persönliche Feier zu dem aktuellen Erlebnis: Der Glaubenssatz hat WESENTLICH weniger Energie und Dominanz in mir, als vor zehn oder zwanzig Jahren. Es gibt signifikant mehr Raum in mir, mehr Empathie, mehr Liebe, mehr Verständnis in mir für mich, meine Entscheidungen, Ängste, Unzulänglichkeiten und Fehler. Whow, es tut gut, das zu spüren und zu benennen. Es geht in kleinen Schritten. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Es sind viele Jahre inzwischen. Ich war oft ungeduldig und frustriert, weil es einfach so verdammt lange dauert. So viele Seminare, so viele Prozesse, so viel innere Arbeit, Schweiss und Tränen. Ich habe es mir hart erarbeitet. Auch das tut gut zu spüren. Das macht es umso wertvoller.

Die Folge? Mein Schock nach Iris’ WhatsApp hält weniger als eine Minute an. Von Ihr habe ich nichts zu befürchten, das weiss ich sofort. Und meine inneren Stimmen, die mich verurteilen wollen, die anfangen zu hadern: Wie konnte das passieren? Was ist los mit mir? Die Anteile, die gut, nein besser sein wollen sind alle noch da. Aber ich sie übernehmen in diesem Moment nicht mehr die Kontrolle. Ich kann sie sehen, sehr schnell sogar. Und ich kann mich mit dem verbinden, was ihnen wichtig ist: Ich möchte dazu gehören, ich möchte geliebt sein, ich möchte Wertschätzung, und ich möchte sicher sein, dass ich das alles IMMER und zu jederzeit bekomme. Und ja, ich möchte auch beitragen. Meine Arbeit und das Team ist mir wichtig, und es gefällt mir meine Rolle darin zu spielen und diese so gut ich kann auszufüllen.

Was passiert? Ich entspanne mich wieder. Wenige Sekunden nach der WhatsApp ist es wieder friedlich in mir. Ich kann so auch viel leichter auf die “Fakten” schauen. Was passiert? Der Newsletter geht nicht wie gewohnt am Freitag um 5 Uhr morgens raus. Er geht eben etwas später am Vormittag raus. Wie groß ist das Drama…? Nicht so groß eigentlich….Juhuuu, ein Grund zum Feiern! 🥰

Ich stelle fest: Die ganze Arbeit lohnt sich! Ich bin zufrieden mit mir und dem Leben.

Was löst es in dir aus, das alles zu lesen? Wo kannst du noch ein bischen verständnisvoller und liebevoller mit dir und deinen Besonderheiten sein?

Schreib’ es gerne hier in einem Kommentar. Ich freue mich auf Resonanz und Austausch.
Herzlich
Jürgen

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