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Der innere Shift, den ich in 20 Jahren GFK nicht gefunden habe

Geschrieben von Jürgen Engel am .

Gestern habe ich mich gefreut, dass ich getriggert war. Ja, wirklich. Weil ich’s gemerkt habe – und weil ich bleiben konnte.

Und ich erzähle das, weil es etwas ist, das viele von uns aus der GFK kennen: Wir haben Klarheit im Kopf. Wir „können“ Empathie. Wir kennen Bedürfnisse. Und trotzdem passiert’s: Etwas in uns übernimmt und wir haben keine Kapazität, keine Wahl mehr.

Was war los: Ich hatte einer Person eine unmissverständliche Nachricht geschickt. Es ging um eine Grenze, die übertreten wurde – und die ich nicht toleriere. Ich habe sehr klar geschrieben, inklusive Konsequenzen. Keine Empathie, keine Bitte, kein GFK-Gewäsch. Mir ist klar: Das ist schwer zu hören. Und es kann Widerstand auslösen, Kritik, Ablehnung.

Jetzt kommt das Faszinierende: Zu diesem Zeitpunkt war noch gar nichts passiert. Keine Antwort. Kein Gegenwind. Nichts. Ich saß nur am Schreibtisch und habe an meine Nachricht GEDACHT. Und ein Teil in mir hat vorausgedacht: „Wenn da jetzt Kritik kommt … wenn da Ablehnung kommt …“
Zack. Alarm.

Und der Alarm war nicht „ein bisschen Unruhe“. Es war heftig. In der Körpermitte, im Magen: ein sofortiges, massives Gefühl. Wie ein inneres Wegknicken. Energie weg. Atem eng. Eine unheimlich starke „Energie-Wolke“, die sich im Körper bewegt. Ich kenne das aus früheren Situationen so stark, dass ich kein Wort mehr rausbekommen habe. Zum Glück passiert das heute nur noch selten – aber es ist da.

Und genau deswegen war es gestern so wertvoll: Ich konnte es halten. Ich konnte es beobachten. Nicht aus „reiß dich zusammen“, nicht aus „weg damit“. Sondern aus einer mitfühlenden, leicht distanzierten Perspektive.

Dieser Ort heißt im IFS – Internal Family Systems „Selbst“. Und es ist DER Ort, wenn du mit Triggern arbeiten willst.

Ich saß alleine am Schreibtisch, ungestört, genug Zeit. Und ich konnte innerlich sagen:
Ich bin hier. Es ist gerade sicher. Es droht keine Gefahr. Ich bin 54 Jahre alt, es ist 2026. Diese Angst ist alt. Dieser Teil lebt in der Vergangenheit. Das hat mit dem Hier und Jetzt nichts zu tun.

Und jetzt kommt ein Satz, der für mich wirklich stimmt – und der vielleicht provokant ist:
Diese Tiefe von „damit sein können“ habe ich in 20 Jahren GFK-Praxis nicht entwickelt. Noch nicht mal in den vielen Jahren Living Compassion mit Robert Gonzales. Der entscheidende Shift kam erst durch IFS. Durch das Kennenlernen und Unterscheiden meiner getriggerten Anteile von meinem erwachsenen, mitfühlenden SELBST.

Seitdem passiert etwas, das ich vorher kaum kannte:
Ich erkenne schneller, was los ist. Und ich habe mehr Wahl. Mehr Innenraum. Mehr Fähigkeit, mich selbst zu halten, wenn Anteile in Not sind.

IFS ist extrem mächtig. Es ist nicht zufällig einer der anerkanntesten und aktuell gefragtesten Therapie- und Selbsterfahrungsansätze weltweit. Und für mich passt es perfekt zu GFK und Living Compassion: Es fühlt sich an wie die logische Fortsetzung und Vertiefung.

Ein Werkzeug, das ich dabei ständig nutze, sind die 8 „C“-Qualitäten des Selbst. Für mich sind sie ein Schnelltest: Habe ich gerade genug SELBST-Energie – oder hat ein Teil übernommen? Die 8 Cs sind:

  • Calm (Gelassenheit, Ruhe)
  • Curiosity (Neugier)
  • Clarity (Klarheit)
  • Compassion (Mitgefühl)
  • Confidence (Selbstvertrauen, Zuversicht)
  • Creativity (Kreativität)
  • Courage (Mut)
  • Connectedness (Verbundenheit)

Und als GFKler merkst du natürlich sofort: Whow, das sind ja mehr oder weniger alles Bedürfnisse….:-)

Wie nutze ich das praktisch? Ganz einfach. Zwei oder drei Qualitäten reichen oft:

  • Ist da Neugier auf das, was in mir passiert?
  • Ist da ein Minimum an Ruhe?
  • Ist da Mitgefühl für den Anteil, der gerade Angst hat?

Wenn ja: Selbst ist da.
Wenn nein – wenn ich Widerstand spüre, Ungeduld, Abwertung, Ärger – dann ist vermutlich ein anderer Teil aktiv. Oft ein beschützender Teil, der den verletzlichen Anteil in mir „unter Kontrolle“ halten will. Mit etwas Übung ist der Unterschied verblüffend klar zu spüren.

Und von diesem Ort aus – vom Selbst – ist alles anders. Dann habe ich Raum für meine Anteile: für Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche, Gedanken, Nöte. Und ich merke: Das ist radikal anders, als Empathie von außen zu bekommen.

JETZT erst habe ich verstanden, was SELBST-Empathie wirklich ist. Nicht als Notfall-Option, wenn niemand Zeit hat. Sondern als die zentrale Praxis, wenn ich meine inneren Anteile kennenlernen, entlasten und heilen will. Und genau da ergänzt IFS die GFK für mich entscheidend: GFK ist oft stark im Kontakt nach außen – IFS bringt eine enorme Präzision und Tiefe für den Kontakt nach innen.

Das Schöne ist: Beides zusammen ist ein perfektes Tandem.
Die Klarheit aus der GFK (Gefühle/Bedürfnisse, Beobachtung vs. Bewertung) fließt direkt in den inneren Dialog mit meinen Anteilen. Und das Teile-Bewusstsein aus IFS ist ständig in meiner GFK-Praxis dabei – im Üben, Leben und Lehren.

Ich bin selbst überrascht, dass ich nach über 20 Jahren GFK sagen kann: IFS ist die zweite, ebenso signifikante und lebensverändernde Entdeckung meines Lebens. Was für ein Geschenk.

Wenn dich das neugierig macht: Schicke uns einfach eine E-Mail mit „IFS“, und ich schicke dir zeitnah Infos zu meinen brandneuen IFS-Seminaren/Formaten ab Mai.
Und wenn du schon mit inneren Anteilen arbeitest – mit oder ohne IFS – interessiert mich total: Wie sind deine Erfahrungen? Gerne hier im Blog oder auch persönlich.

Herzlich
Jürgen

Wenn du mehr zur Struktur und zum Hintergrund von IFS und dem Zusammenspiel der inneren Anteile lesen magst, HIER ein weiterer Blogartikel von mir zu IFS.

Und falls du jetzt so Feuer und Flamme bist, dass du es direkt lernen und erfahren möchtest: Am 6. Mai fängt mein erster „IFS-Online-Kurs für GFK-Erfahrene“ an, und vom 17. – 21. Juni treffen wir uns „Live“ im Odenwald zu einem Intensiv-Seminar: „GFK, Living Compassion und IFS“.

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