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Warum es manchmal bei der inneren Entwicklung nicht weiter geht

Geschrieben von Jürgen Engel am .

Transkript des Gesprächs mit Iris & Jürgen:

Jürgen

Hallo zusammen und Grüße hier von meiner Seite aus vom Frankfurter Flughafen. Ich sitze hier gerade am Gate kurz vor dem Abflug nach Spanien, nach Bilbao, wo morgen das IIT, das Internationale Intensivtraining in Gewaltfreier Kommunikation in Spanien anfängt. Da bin ich als Support-Trainer dabei und freue mich. Und ja, weil wir unbedingt vorher noch ein Video aufnehmen wollten mit spannenden Fragen, wie wir finden, haben wir beschlossen, das jetzt so zu machen.

Ja, und was wir uns ausgesucht haben, was uns beschäftigt, ist diese Frage. Es kommen ja ganz viele Leute zu uns und wir selber arbeiten auch an uns mit gewaltfreier Kommunikation und anderen Methoden seit vielen Jahren. Und dann sagen wir, ich habe schon so viel gemacht und so viele Kurse und so viele Jahre und irgendwie auf irgendeine Art und Weise geht es nicht so richtig voran. Passiert irgendeine Art von innerer Entwicklung vielleicht, die ich mir erhoffe oder wünsche, wie auch immer die genau aussieht? Passiert irgendwie nicht so oder scheint zu stagnieren. Das ist so das Fragefeld, dem wir uns oft gegenübersehen. Damit wollen wir uns heute so ein bisschen beschäftigen.

Iris

Ja, wir überlegen ja immer wieder, was ist das und was können wir auch tun? Und das Wort, das ich dafür benutze, ist wie so ein Plateau, als ob Leute so ein Plateau erleben. Und ich kenne das auch von mir, wo es dann erst mal nicht weiterzugehen scheint. Und dann probiert man was anderes aus und kommt wieder zum selben Punkt, probiert was anderes aus, kommt wieder zum selben Punkt. Und es scheint da so eine eine gewisse Schwelle manchmal zu geben.

Und ich glaube, also so auch mit der Traumabrille drauf geschaut, dass das ganz gesund ist. Also Leute kritisieren das dann oft, dann sie sagen, ich komme nicht weiter, ich habe schon so viel gemacht. Und erstmal als Einstieg scheint mir das eine ganz gesunde Schutzfunktion zu sein, dass der Körper sagt oder das System sagt, hey, warte mal, also bevor wir hier jetzt drangehen, da will ich aber ganz, ganz sicher sein, dass hier alles passt, dass du weißt, was wir machen, weil das vielleicht eine radikale Umstellung ist, also wenn ich ein einen grundsätzlichen Glaubenssatz z.B. angehe, also stell dir vor, du hast diesen Glaubenssatz, ich bin nicht okay, da haben wir ja auch schon drüber gesprochen, haben ja ganz viele, und man kann da dran arbeiten, man kann den durchaus wenden, aber wenn ich den wende, dann werden ja meine Grundfesten weggerissen, wenn meine ganze Identität, mein Leben, nicht vielleicht das Ganze, aber sehr große Teile meines Lebens sind bewusst oder unbewusst genau darauf aufgebaut, ich bin nicht okay, und wenn ich jetzt plötzlich sage, ah nee, du bist doch okay, Dann stimmt ja gar nichts mehr.

Jürgen

Das, was man oft auch so, das kennen viele, den Ausdruck, den Nutzen nennt, auch von einer Krankheit oder von irgendeiner Befindlichkeit. Das System hält sich gerne stabil. Die ist da und die hat garantiert auch irgendeinen Nutzen. Auch wenn du an der Oberfläche denkst, das ist aber alles doof, ich will das weghaben. Wieso würde ich einen Glaubenssatz, ich bin nicht okay oder nicht gut genug, behalten wollen? Das ist eine der möglichen Erklärungen.

Mit unserer neuen Teile-Brille ist das sehr klar. Und es gibt mindestens einen Teil, der will diese Veränderung. So würde ich sagen, sonst wäre ich da nicht so. Dem gilt es zuzuhören. Aber mehr und mehr merken wir, die Teile, die oft ein bisschen mehr im Verborgenen arbeiten, die sind aber viel entscheidender. Und da gibt es dann ein oder mehrere, so quasi in anderen Worten dasselbe, was du sagst, Die schützen das System, die sind gegen diese Entwicklung, die haben was dagegen. Die haben bestimmte Ängste und sagen aus bestimmten Gründen, weil wir unsere Emotionen schützen oder bestimmte andere Anteile, die Angst haben davor, wollen wir lieber, dass es so bleibt, wie es ist.

Iris

Ja, das ist das Faszinierende, dass immer wieder diese Schutzfunktion und dieses Bedanken erst mal vielleicht vorne steht. Also die nächste Frage ist natürlich, was mache ich jetzt damit? Mit dieser Schutzfunktion. Aber erst mal anzuerkennen: Okay, danke, dass du da an der Stelle auf mich aufpasst, weil ich wäre jetzt einfach weitergegangen, weil ich will dieses Muster lösen, wer auch immer es ist, irgendein Anteil. Ich will da weitergehen und du weist mich aber darauf hin, dass es nicht ganz ohne ist.

Jürgen

Und da kann ich vielleicht, also für mich ist es ja eine sehr starke Erfahrung aus meiner eigenen Entwicklung, was ich jetzt kürzlich dann durch die Teilarbeit erst erkannt habe, wie sehr ich, man kann regelrecht sagen gewaltvoll versucht habe, da innen drin durchzukommen. In vielen, vielen Jahren, Jahrzehnten kann man sagen, von Prozessieren mit Roberts Prozessen und so weiter. Meine oberflächliche Intention von einem Teil war immer: Ich will dahin, wo der tiefe Schmerz sitzt, wo mein Trauma sitzt, wo mein Bewusstsein aufgeht, wo alle meine alten Muster rauskommen und ich dann, keine Ahnung, 3 Tage heulen muss und so eine Katharsis habe und so weiter. Und habe immer mal Leute beobachtet, die das auch hatten. Ist aber nie passiert.

Und jetzt kürzlich habe ich erst verstanden, ja, ich habe  diese Beschützer. Ich habe so oft den Satz gehört, der Widerstand ist wichtig, du musst dich mit dem Widerstand beschäftigen. Aber ich habe das nicht verstanden. Ich wollte das nicht tun. Diese Teile, die da gebremst haben, die mir nicht erlaubt haben, zu diesen Emotionen zu gehen, die habe ich immer gehasst. Komm, schon wieder funktioniert dieser Prozess nicht, hau ab. Und erst als ich das verändert habe zu sagen, wer seid denn hier? Was wollt ihr denn? Worauf passt ihr denn auf? Dann hat sich was bewegt.

Iris

Ja, da sind zwei Sachen drin. Das eine finde ich diese Suche nach Intensität. Also ich kriege das auch manchmal nach Prozessen, wie ich finde, die sehr tief waren, wenn ich Leute begleite, die sagen: Ja, aber es war ja gar nicht, was weiß ich, ich habe gar nicht geweint oder geschrien oder so. Dieses, ich will Intensität haben, und das ist eigentlich auch, das ist ja auch schon wieder unser Nervensystem, das denkt, ich muss Intensität haben, weil das ist halt, was ich kenne, und dann suche ich das, und nur das geht. Und das finde ich ein ganz großes Missverständnis, dass das eigentlich auch ganz sanft gehen kann, diese Veränderung, und dann vielleicht sogar tiefer gehen.

Und so vielleicht ein letzter Aspekt noch von mir, bevor du dann vielleicht abschließen magst, auf dieses, ich glaube, man kommt halt so und so weit, wenn man, also man kommt auch intellektuell ganz schön weit, indem man sich mit Dingen, sie sich erklärt und Dinge als zum Beispiel auch mit der gewaltfreien Kommunikation, das als Methode anwendet, oder auch das interne Familiensystem eher intellektuell sich erklärt, wer ist denn wohl welcher Teil. Und es gibt einen Punkt, Das ist auch ein Plateau, wo diese Grenze erreicht ist, wo ich nur noch weiterkomme, wenn ich wirklich in den Körper gehe, wenn ich mit dem Körper ins Spüren gehe. Das ist, wenn noch mal ein ganz, ganz großer Shift passiert. Und das kann man sich schwer vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat. Das ist ein bisschen die Schwierigkeit. Aber ich glaube, dass da auch oft ein Plateau entsteht, wenn es halt, wenn es, wenn ich zwar anwende, aber nicht tief integriert habe, egal welche, welcher Ansatz Das ist.

Jürgen

Ja, und diese Integration, das merkt man seit vielen Jahren, ohne diese tiefe Verkörperung. Embodiment, hat Robert immer gesagt. Und ich kann all diese Dinge, GFK, da kennen wir uns gut mit aus, habe ich auch viele Jahre gemacht. Ich kann die sehr intellektuell, kognitiv machen. Ist auch ein Schutz vom System. Ich persönlich weiß, ich kann das, über Gefühle und Bedürfnisse reden, ohne die überhaupt zu spüren. Das kann ich lange so betreiben. Und wenn ich anfange zu spüren, dann kommt sofort das, was wir gesagt haben. Das System findet das gefährlich. Da kommen verletzliche Emotionen hoch. Will ich das? Kann ich das? Und es gibt auch kein Dogma, dass ich das muss. Also vielleicht ist das für das System ganz okay, das eine Weile nicht zu machen. Aber ohne da wirklich reinzugehen, sehe ich nicht Wie diese Entwicklung passieren kann.

Eins möchte ich abschließen, man könnte noch viel dazu erzählen, habe ich auch lange gemacht, ein Seminar nach dem anderen, ein Seminar nach dem anderen, und es wird so eine Art von Seminarhopping. Dort habe ich diese Intensität und diese vermeintliche Entwicklung, aber es gibt keine Brücke in die Situation in der Welt. Also Robert hat uns auch immer gepredigt, wenn diese Art von Arbeit hauptsächlich im Seminar, in der Übungsgruppe bleibt, ist es auch limitiert. Ich brauche Praxis, die in den Alltag, wenn ich so eine innere Transformation haben will, die kann ich nicht, selbst wenn ich haufenweise Seminare mache, auf diesen Kontext beschränken.

Iris

Ja, wie bekomme ich es in den Alltag? Das geht immer so stückweise, dann verliere ich es auch wieder. Bestimmte Dinge sind fest integriert im Alltag, dass ich zum Beispiel wieder einchecke, wie geht es mir denn gerade, wie ist meine Körperspannung und so weiter, oder regelmäßig Meditation, Dyaden, oder auch Gespräche mit anderen, die eben wirklich auf Empathie oder auf Erforschung, sage ich jetzt mal, fokussiert.

Und es braucht auch Mut. Also das finde ich noch ganz wichtig, diesen Schritt zu machen vom Plateau dann auf die nächste Ebene. Das braucht richtig Mut. Du hast kurz angedeutet, weil ich weiß ja nicht, was kommt, das fühlt sich irgendwie gefährlich an, ich habe Angst, überwältigt zu werden.

Jürgen

Das vielleicht als Abschluss: Es braucht Mut. Und das ist auch so ein geflügeltes Wort. Da, da wo die Angst ist, da ist der Weg. Da wo ich merke, das ist verdammt unbequem, Aber da, wo ich nicht hin will, und das möchte ich mir dann nicht angucken. Das ist genau das Spannendste.

Iris

Okay, gut. Wahrscheinlich wird hier gerade ein Flug ausgerufen. Dann wünschen wir dir gute Reise. Der Hintergrund sieht schon mal toll aus. Bis dann.

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