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Die leise Stimme, die wir zu oft überhören

Geschrieben von Iris Bawidamann am .

Es ist 22:00 Uhr. Irgendwo in mir weiß ich: Jetzt wäre es gut, ins Bett zu gehen. Aber dann schaue ich noch kurz diesen einen Clip — naja, es werden dann meist eher zehn. Meine Tochter ist noch auf der Couch und erzählt mir von ihrem Tag. Vor dem Schlafengehen ist für sie immer schon die liebste Zeit zum Reden. Ach, und der Hund muss ja auch noch raus. Und plötzlich ist es fast Mitternacht.

Ich falle dann leicht ins Mich-Kritisieren. Ich weiß es doch eigentlich besser. Ich habe sogar einen Wecker fürs Schlafengehen gestellt. 

Die erste Stimme weiß es schon                    

Was mich an diesem Muster beschäftigt, ist nicht der verpasste Schlaf. Es ist diese erste, leise Stimme, die schon um 22:00 Uhr die Antwort hatte — und die ich trotzdem nicht gehört habe. Diese Stimme kenne ich aus anderen Situationen auch. Sie meldet sich, wenn ich merke: Jetzt brauche ich etwas Richtiges zu essen. Jetzt möchte ich nein sagen. Jetzt brauche ich eine Pause. Sie ist schnell. Sie erklärt sich nicht. Sie würde einer kritischen Befragung nicht standhalten.

Und genau deshalb verliere ich sie so leicht — denn alles, was danach kommt, ist lauter: die Überlegungen, die Abwägungen, die Ideen, die anderen Bedürfnisse, die auch etwas wollen. Je länger ich warte, desto leiser wird sie.

Was wäre, wenn diese Stimme genauso viel zählt?

Ich glaube nicht, dass diese erste Stimme immer recht hat oder alles entscheiden sollte. Aber sie verdient dieselbe Lautstärke wie das, was später kommt. Das klingt einfacher als es ist. Denn die meisten von uns haben gelernt, Entscheidungen zu begründen. Eine Stimme, die nicht erklären kann warum, wirkt schwach — fast wie eine Ausrede. Dabei ist sie oft der klarste Moment des ganzen Tages.

Was wäre möglich, wenn ich dieser ersten Stimme früher zuhöre? Vielleicht wäre der Hund dann schon um 21:00 draußen gewesen, das Gespräch mit meiner Tochter wäre trotzdem passiert — und der Schlaf auch.

Das ist für mich Selbst-Vertrauen                  

Nicht das Vertrauen in meine Fähigkeiten, meine Leistung oder mein Urteil. Sondern das Vertrauen in diese erste, leise Stimme — auch wenn ich sie nicht begründen kann. Auch wenn sie gerade keinen Applaus bekommt. Das braucht Übung. Ich merke, wie oft ich diese Stimme noch übergehe — nicht aus Bösem, sondern weil die anderen Stimmen einfach überzeugender klingen. Im GFK-Club erforsche ich das gerade mit einer Gruppe: Wie nehmen wir diese ersten Impulse überhaupt wahr — und was wird möglich, wenn wir ihnen genauso viel trauen wie allem, was danach kommt?

Gemeinsam üben

Das braucht einen Raum. Einen Raum, in dem es normal ist, dass man sich selbst erst wieder zuhören lernt — ohne dass das komisch klingt.

Der nächste gemeinsame Raum von uns dafür ist unser Sommerfestival im Juli. Wenn du neugierig bist, was dort passiert — ich erzähle es dir gerne.

Welche leise Stimme ist in dir gerade — und was sagt sie?

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