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Emotionales Wetter: Regen erlaubt!

Geschrieben von Jürgen Engel am .

Eine Erkenntnis heute Vormittag im Auto hat mich inspiriert, diesen Artikel zu schreiben: Mir geht es gerade nicht so gut. Es ist viel los, beruflich und privat, einiges ist anstrengend und auch traurig, Iris ist seit einer Woche krank, wir haben ein paar schwierige Themen, die uns belasten, ich habe mein Bein verletzt und humple, und insgesamt bin ich einfach nicht besonders gut drauf.
UND – jetzt kommt’s – es geht mir erstaunlich gut damit. Es ist OK. Fast würde ich so weit gehen zu sagen: Ich fühle mich gut. (OK, „gut“ ist aber jetzt doch geprahlt, sagt sofort ein kritischer Teil in mir, aber lassen wir das… ;-))

DAS finde ich bemerkenswert. Und sehr erfreulich. Als Erkenntnis bzw. Theorie ist mir das nicht neu: Es gilt, keinen Widerstand gegen den aktuellen Zustand aufzubauen. Nicht in eine Denkschleife von „Wie doof ist das alles?“, „Wann wird es endlich besser?“, „Das ist alles unfair.“ usw. zu geraten.

Als direkte Erfahrung ist es noch etwas ungewöhnlich und daher sehr besonders. Sicher, es ist einfacher gesagt als getan, im „Zen-Modus“ ganz im Frieden zu sein, während um mich und in meinen Emotionen der Sturm tobt. Aber es ist eindeutig möglich. Und es hat auch viel mit meiner Entscheidung zu tun, wie ich mit der Situation umgehen möchte.

Ich sehe es als die Frucht vieler Jahre innerer Arbeit – GFK, Living Compassion und neuerdings IFS – die zu wesentlich mehr innerer Balance, Frieden und deutlich höherer Toleranz gegenüber Impulsen und Zuständen geführt hat. SEHR angenehm.

Und ich liebe diese zunehmend tiefere Erforschung: Es geht nicht darum, immer „gut drauf“ zu sein – das ist eine unerfüllbare Aufgabe. Vielmehr geht es darum, die gesamte Bandbreite meiner Gefühle und Zustände „willkommen“ zu heißen und mit Neugier und möglichst wenig Widerstand zu erleben. Insbesondere bei der Trauer erlebe ich es am deutlichsten, wie die Trauer zu einem sehr warmen, wohligen, ja regelrecht angenehmen Zustand werden kann.

All das unterstreicht nochmals eindrucksvoll meine langjährige Überzeugung: Es gibt keine positiven und negativen Gefühle, und es ist absolut nicht empfehlenswert, sie so zu nennen und zu kategorisieren. Ja, manche Gefühle sind angenehmer als andere und manche wesentlich leichter zu „ertragen“ als andere, UND alle davon sind Lebensenergie, die ihren Sinn und ihren Beitrag hat.

Ein lieber Freund hat mir zu Weihnachten das Buch „Lose Your Mind“ von Josh Pais geschenkt, welches ich gerade mit Begeisterung verschlinge. Da sind Gefühle das zentrale Thema: sich absolut davon zu verabschieden, unangenehme Gefühle managen und loswerden zu wollen. Pais schlägt das absolute Gegenteil vor: sich vollständig allen Gefühlen hinzugeben, sie regelrecht zu „surfen“ – in der Überzeugung, dass ich mich IMMER genau richtig fühle, genau so, wie es mir aktuell am besten dient. Auch nach Jahren der Arbeit mit Robert Gonzales, dessen Ansatz genau in diese Richtung geht, ist mir diese Klarheit eine große Inspiration.

Wichtig zu unterscheiden ist mir, dass es nicht darum geht, sich erfolgreich zu manipulieren und sich die „Geschichte“ zu erzählen, dass es einem gut geht, obwohl es einem gerade richtig schlecht geht. Es ist ein komplett anderer Ansatz.
Es geht darum, Akzeptanz auszuüben und keine Diskussion mit dem Leben anzufangen. Wenn ich gerade traurig bin, Angst habe oder mich einsam fühle, dann ist das so. Punkt. Es hilft nicht, zu diskutieren – das ist die Energie, die gerade in mir anwesend ist.

Diese willkommen zu heißen, ihr mit Neugier, Offenheit und Mitgefühl zu begegnen statt mit Widerstand und Hadern, macht einen kolossalen Unterschied. Ich würde es regelrecht als „spirituelle Praxis“ bezeichnen, sich – wie in einer Meditation – Zeit zu nehmen und den inneren Zustand voll auszukosten und zu erforschen.

Probiere es aus – du könntest überrascht sein von der faszinierenden Vielschichtigkeit deiner inneren Welt. Und es braucht nicht viel: einfach mal ein paar Minuten sitzen, ohne Handy, Medien, Buch, Musik oder sonstige Ablenkungen. Allein mit dem vollen Fokus auf deinen inneren Zustand.
Was erlebst du JETZT, wenn du eine Weile gar nichts tust und nur fühlst, was in dir gerade los ist?

Hast du’s ausprobiert?
Ich bin sehr neugierig. Schreib gerne deine Erfahrung oder Resonanz auf den Artikel als Antwort im Blog. Ich freue mich über Feedback und Austausch.

Herzlich
Jürgen


Kommentare (14)

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