Emotionales Wetter: Regen erlaubt!

Eine Erkenntnis heute Vormittag im Auto hat mich inspiriert, diesen Artikel zu schreiben: Mir geht es gerade nicht so gut. Es ist viel los, beruflich und privat, einiges ist anstrengend und auch traurig, Iris ist seit einer Woche krank, wir haben ein paar schwierige Themen, die uns belasten, ich habe mein Bein verletzt und humple, und insgesamt bin ich einfach nicht besonders gut drauf.
UND – jetzt kommt’s – es geht mir erstaunlich gut damit. Es ist OK. Fast würde ich so weit gehen zu sagen: Ich fühle mich gut. (OK, „gut“ ist aber jetzt doch geprahlt, sagt sofort ein kritischer Teil in mir, aber lassen wir das… ;-))
DAS finde ich bemerkenswert. Und sehr erfreulich. Als Erkenntnis bzw. Theorie ist mir das nicht neu: Es gilt, keinen Widerstand gegen den aktuellen Zustand aufzubauen. Nicht in eine Denkschleife von „Wie doof ist das alles?“, „Wann wird es endlich besser?“, „Das ist alles unfair.“ usw. zu geraten.
Als direkte Erfahrung ist es noch etwas ungewöhnlich und daher sehr besonders. Sicher, es ist einfacher gesagt als getan, im „Zen-Modus“ ganz im Frieden zu sein, während um mich und in meinen Emotionen der Sturm tobt. Aber es ist eindeutig möglich. Und es hat auch viel mit meiner Entscheidung zu tun, wie ich mit der Situation umgehen möchte.
Ich sehe es als die Frucht vieler Jahre innerer Arbeit – GFK, Living Compassion und neuerdings IFS – die zu wesentlich mehr innerer Balance, Frieden und deutlich höherer Toleranz gegenüber Impulsen und Zuständen geführt hat. SEHR angenehm.
Und ich liebe diese zunehmend tiefere Erforschung: Es geht nicht darum, immer „gut drauf“ zu sein – das ist eine unerfüllbare Aufgabe. Vielmehr geht es darum, die gesamte Bandbreite meiner Gefühle und Zustände „willkommen“ zu heißen und mit Neugier und möglichst wenig Widerstand zu erleben. Insbesondere bei der Trauer erlebe ich es am deutlichsten, wie die Trauer zu einem sehr warmen, wohligen, ja regelrecht angenehmen Zustand werden kann.
All das unterstreicht nochmals eindrucksvoll meine langjährige Überzeugung: Es gibt keine positiven und negativen Gefühle, und es ist absolut nicht empfehlenswert, sie so zu nennen und zu kategorisieren. Ja, manche Gefühle sind angenehmer als andere und manche wesentlich leichter zu „ertragen“ als andere, UND alle davon sind Lebensenergie, die ihren Sinn und ihren Beitrag hat.
Ein lieber Freund hat mir zu Weihnachten das Buch „Lose Your Mind“ von Josh Pais geschenkt, welches ich gerade mit Begeisterung verschlinge. Da sind Gefühle das zentrale Thema: sich absolut davon zu verabschieden, unangenehme Gefühle managen und loswerden zu wollen. Pais schlägt das absolute Gegenteil vor: sich vollständig allen Gefühlen hinzugeben, sie regelrecht zu „surfen“ – in der Überzeugung, dass ich mich IMMER genau richtig fühle, genau so, wie es mir aktuell am besten dient. Auch nach Jahren der Arbeit mit Robert Gonzales, dessen Ansatz genau in diese Richtung geht, ist mir diese Klarheit eine große Inspiration.
Wichtig zu unterscheiden ist mir, dass es nicht darum geht, sich erfolgreich zu manipulieren und sich die „Geschichte“ zu erzählen, dass es einem gut geht, obwohl es einem gerade richtig schlecht geht. Es ist ein komplett anderer Ansatz.
Es geht darum, Akzeptanz auszuüben und keine Diskussion mit dem Leben anzufangen. Wenn ich gerade traurig bin, Angst habe oder mich einsam fühle, dann ist das so. Punkt. Es hilft nicht, zu diskutieren – das ist die Energie, die gerade in mir anwesend ist.
Diese willkommen zu heißen, ihr mit Neugier, Offenheit und Mitgefühl zu begegnen statt mit Widerstand und Hadern, macht einen kolossalen Unterschied. Ich würde es regelrecht als „spirituelle Praxis“ bezeichnen, sich – wie in einer Meditation – Zeit zu nehmen und den inneren Zustand voll auszukosten und zu erforschen.
Probiere es aus – du könntest überrascht sein von der faszinierenden Vielschichtigkeit deiner inneren Welt. Und es braucht nicht viel: einfach mal ein paar Minuten sitzen, ohne Handy, Medien, Buch, Musik oder sonstige Ablenkungen. Allein mit dem vollen Fokus auf deinen inneren Zustand.
Was erlebst du JETZT, wenn du eine Weile gar nichts tust und nur fühlst, was in dir gerade los ist?
Hast du’s ausprobiert?
Ich bin sehr neugierig. Schreib gerne deine Erfahrung oder Resonanz auf den Artikel als Antwort im Blog. Ich freue mich über Feedback und Austausch.
Herzlich
Jürgen
Lieber Jürgen,
für mich ist es oft schwierig, meine Emotionen zu fühlen, weil sie mein System zu schnell als nicht hilfreich bewertet und wegschiebt. Mühsaam habe ich immer wieder an Gefühlszipfeln gezogen, die ich gerade noch zu fassen bekommen habe und das Gefühl ganz ins bewusste Erleben geholt. Mittlerweile kann ich wieder häufiger Gefühle einfach so spüren und bin sehr dankbar dafür. Schwierige Gefühle ermöglichen mir oft ein Mitgefühl mit mir selbst. Ich kann die Herausforderung der Situation für mich würdigen. Das macht die Gefühle sehr wertvoll für mich. Sie bringen mich in wohlwollende Verbindung mit mir selbst und diese kann ich tatsächlich sehr gut wertschätzen und genießen.
Viele liebe Grüße
Katrin
Lieber Jürgen,
bei Deinem Text ist mir Erich Fried eingefallen „Es ist was es ist“.
Annehmen dessen, was ist – ohne Wertung- ist eine Kunst, die das Leben sehr viel klarer machen kann.
Gute Besserung für Iris und Euch viel Erfolg beim Verbreiten der Kunst…
Herzlich
Ronald
Hallo lieber Jürgen,
vielen lieben Dank für deinen Artikel, deine Offenheit und die Möglichkeit an den Gedanken teilzunehmen.
Ich habe gerade auch eine Bronchitis,die nicht gehen will, also probiere ich sie willkommen zu heißen…….
Naja,( smile ) ist nicht ganz so einfach, die Erwartung,dass es schnell vorbei geht ist meine erste Wahrnehmung, dann kommt mir ein Satz von dir in den Kopf, Ich muß gar nichts….und die Bronchitis eben auch nicht….
Und schon ist der Ärger ein bisschen kleiner…….
Auch das ich jetzt „erst“ mich aufgerafft habe zu schreiben….Der erste Impuls war, zu spät etc. und ich habe aber genau das gemacht, was ist mir gerade wichtig und deshalb mein Input.Zu spät ist ja nur meine Interpretation.
Gaaanz liebe Grüße an euch zwei Kranken und alle Anderen
Schöööön das es Euch gibt!!!
Lieber Lars,
wie schön, danke für deine Rückmeldung 🙂
Und ich wünsch‘ dir auch baldige Besserung und weiter viel Freude beim Erforschung deiner Akzeptanz mit dem aktuellen Zustand… 😉
Bis bald mal wieder
Jürgen
Lieber Jürgen,
ich gehe „mit“ Dir, an Deiner Seite, übe mich im immer weiter „JA“-Sagen zu dem, was ist, wie ich mich fühle auf den unterschiedlichen Ebenen meines Seins. „JA“-Sagen zu meiner Angst, zu meiner Traurigkeit, zu meiner Lebensfreude, erleben dass viele Gefühle nebeneinander und fast gleichzeitig in mir lebendig sein können.
In Verbundenheit mit Dir und Iris
Dorothee
Liebe Dorothee,
das hört sich wunderbar an und deckt sich mit meiner Erfahrung, wie viele Gefühle nebeneinander in mir lebendig sein können, und je mehr ich sie spüre, umso mehr merke ich: Sie entziehen sich jeder Beschreibung in Worten.
Auf bald
Jürgen
Lieber Jürgen,
dein Blog-Artikel hat mich berührt. Danke dafür! – Neben meinem Schreibtisch hängt eine Weisheit von Eckhart Tolle: „Das Leid ist solange nötig, bis du erkennst, dass es unnötig ist.“ Praktisch eine starke Verdichtung deines Beitrages.
Mir selbst geht es seit ein paar Jahren so, dass ich mich auf Phasen des Leids einfach einlasse. Dann leide ich vor mich hin – und irgendwann ist es vorüber. Ich erlaube mir zu leiden! – Für meine Umgebung ist das manchmal anstrengender als für mich.
Alles Liebe und Gute für euch beide!
Bernhard
Lieber Bernhard,
wie schön gleich heute wieder im Kontakt zu sein….:-)
Sehr passend das Zitat von Eckhart Tolle, einer mein lieblings Lehrer, das inspiriert mich mal wieder eines seiner Videos zu schauen.
Liebe Grüße
Jürgen
Lieber Jürgen. Die gleiche Erfahrung mache ich seit fast 2 Jahren. Obwohl es mir gesundheitlich sehr schlecht geht, höre ich mich immer wieder sagen, ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Mit mittlerweile 73 Jahren genieße ich diesen Zustand täglich und bin dankbar, dass ich mit GfK üben dort angelangt bin. Herzliche Grüße aus Köln
Liebe Rosi,
wundervoll! Das ist eine große Kunst, zufrieden zu sein, auch und gerade wenn es mir nicht so gut geht. Wie schön, dass dir die GFK dabei hilft. :-))
Herzlich
Jürgen
Lieber Jürgen,
vielen Dank – das ist eine für mich sehr hilfreiche Erinnerung! Trotz vieler Ausbildungen bleibe ich immer wieder im Schlamassel hängen. Ich fühle mich vielleichter und das ist eine Wohltat..
Gerne erneuere ich mein Angebot stoffliche Unterstützung zum EK an euch zu geben (schnüffelt einfach bei Marita Zimmer cellagon) ganz liebe Grüße und gute Besserng an Iris von Marita
Liebe Marita,
danke für deine Rückmeldung, ja, ich bleibe auch immer mal wieder gerne im „Schlammassel“ hängen, und dann freue ich mich, wenn ich mich erinnere, das ich die Wahl habe, wie lange ich mein Leid auskosten will….;-)
Alles Liebe
Jürgen
Lieber Jürgen, deine Artikel kam für mich zur richtigen Zeit. Ich liege auch krank im Bett (Gute Besserung an dieser Stelle an Iris ) und musste alle Termine in meiner ersten Arbeitswoche dieses neuen Jahres absagen. Autsch ! Das tat mir nicht nur für die PatientInnen leid, sondern auch für mich, da ich dann als Selbstständige kein Geld verdiene. Und mir ist aufgefallen, dass ich zum ersten Mal kein schlechtes Gewissen hatte und mich schnell beruhigen konnte. Also keinen Widerstand aufbaute! Das war neu und fühlt sich ziemlich gut an! Ganz herzliche Grüße von Michaela !
Liebe Michaela,
wie schön, danke für deine Rückmeldung, das freut mich sehr, und was für ein tolles Erlebnis, erstmalig kein schlechtes Gewissen zu haben, das hört sich nach echtem Fortschritt an, feiere dich! :-))
Ich wünsche dir gute und schnelle Besserung und freu‘ mich sehr auf ein Wiedersehen beim Sommerfestival.
Herzlich
Jürgen